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Wie der Stasi-Agent den atomaren Weltkrieg verhinderte

Quelle: https://www.facebook.com/andrey.vedyaev/posts/761778203951368
Andrej Vedjaev veröffentlicht regemäßig hochspannende Essays über die legendären Mitarbeiter der Geheimdienste. Er spricht perfekt Deutsch.

RAINER RUPP
Laut amerikanischen Generälen hat kein Spion mehr Schaden dem atlantischen Bündnis und dem Westen insgesamt zugefügt als Rainer Rupp – Agent der «Stasi» im NATO-Hauptquartier.

Nach dem Fall der Berliner Mauer und der Annexion der DDR gerieten alle Archiven der Hauptverwaltung „A“ (Dienst der Außenaufklärung) des Ministeriums der Staatssicherheit der DDR „Stasi“ in die Hände der westdeutschen Geheimdienste. Viele Mitarbeiter von Markus Wolf, der über 30 Jahre den besten Aufklärungsdienst der Welt leitete, der Moskau mit der strenggeheimen Information aus allen westlichen Zentren, darunter auch das NATO-Hauptquartier in Brüssel, versorgte, wurden hinter Gitter geworfen. Zweifellos war der Informationsleck aus dem heiligen Tempel der westlichen „Demokratie“ den westlichen Diensten bewusst. Es begann die Bearbeitung der ehemaligen Mitarbeiter von „Stasi“ sowohl mit den Gestapo- als auch mit den amerikanischen Mitteln – ihnen wurden unglaubliche Summen Geld und absolute Sicherheit im Austausch gegen einen Namen angeboten. Aber die Mitarbeiter des DDR-Aufklärungsdienstes bewahrten sogar mit der weggenommenen Freiheit, Arbeit und Mitteln zum Überleben das Schweigen. Doch Verräter fanden sich – nicht nur in Moskau. Der Militäranalytiker der Hauptverwaltung „A“ Oberst Heinz Busch nannte den operativen Decknamen des bei NATO arbeitenden Aufklärers - „Topas“, sowie seine innere Registrierungsnummer in der Kartei des Ministeriums der Staatssicherheit der DDR.

NATO-Dienste brauchten noch drei Jahre, um die Datenbanken von „Stasi“ zu entschlüsseln. Aber das reichte auch nicht. Das fehlende Glied war eine Diskette mit der Liste der Agenten, die während der Evakuierung der DDR-Archive verschwunden war. Der ehemalige General des MfS der DDR Ralf-Peter Devaux hat sie für 1,5 Mln. Dollar verkauft. Diese Liste enthielt die Namen von Rainer Rupp und seiner Ehefrau Ann-Christine Bowen, ihre operativen Decknamen „Topas“ und „Türkis“ wurden benannt. Sie wurden in dem Elternhaus von Rainer Rupp in Saarburg am 30.Juli 1993 verhaftet.

Im Buch „Die Stasi-Geheimnisse“ wird Rainer Rupp zitiert: „Ich fühlte, dass die Schlinge um mich herum immer enger wird. Aber es gab keine Möglichkeit zu fliehen. DDR und die Sowjetunion existierten nicht mehr. Gorbatschew und Elzin haben den schwerkranken Erich Honecker an den Westen übergeben. Es gab keine Hoffnung, dass man mich mit Samthandschuhen anfassen würde. Ich konnte meine alten Eltern und die Ehefrau mit Kindern nicht dem Schicksal überlassen. Es blieb nur an das Schicksal zu glauben und zu warten. Deswegen habe ich die Verhaftung ruhig aufgenommen.“*

Jedoch trotz der ausgeklügelten Verhöre und langer Monate in Einzelhaft, konnte man den Agenten nicht beugen. Das Urteil des Gerichts war ausgesprochen hart – 12 Jahre Gefängnis. Zu 22 Monaten Gefängnis wurde seine Ehefrau Ann-Christine verurteilt, die im britischen NATO-Department diente - ein Teil ihrer Schuld nahm Rupp auf sich.

Ende 60-er Jahre brodelte es in Düsseldorf, wie in ganz Europa – die Jugend demonstrierte. Einmal setzte sich ein sympatischer Mann, der sich als Kurt vorstellte, zu einer Studentengruppe hinzu. Während er am Bier nippte, hörte er aufmerksam zu, worüber die Studenten diskutieren. Sie diskutierten über die Politik, Probleme des Kapitalismus, Vietnamkrieg, über den stärker werdenden Neonazismus. Besondere Aufmerksamkeit des Unbekannten zog Rainer Rupp auf sich, der behauptete, dass in der Bundeswehr, wie auch in der BRD-Regierung die ehemaligen Nazis sässen. Der selbe General Reinhard Gehlen, der während Hitlers Zeiten die operative Aufklärung an der sowjetisch-deutschen Front leitete, leitete jetzt den Bundesnachrichtendienst (BND). Kurt rief die Bedienung und bestellte noch eine Runde Bier. Während er am Gespräch teilnahm, heizte er geschickt die Diskussion an. Kurt war nicht nur einverstanden mit den Studenten, er äußerte noch radikalere Meinungen, von denen die jungen Menschen begeistert waren. Er gefiel dem Rainer – sie wurden Freunde.

Bei einem der folgenden Treffen sagte Kurt: „Ich vertrete einen der Geheimdienste der DDR, du hast es dir bestimmt schon gedacht. Wir brauchen solche Leute wie Dich. Du hast gutes Köpfchen, dein Wirtschaftsdiplom hast du fast schon in der Tasche, plus noch zwei Fremdsprachen. Das ist, was man braucht, um zu versuchen ins NATO-Stabquartier zu kommen. Dafür musst Du einen Job in einer der Banken in Brüssel bekommen, aber zuerst machst du bei uns eine Schulung durch“.

Die Romantik des Aufklärungsdienstes packte Rainer. Gleichzeitig mit dem Lehrgang in einer der Spezialschulen von „Stasi“ macht er einen ausgezeichneten Universitätsabschluss und zieht um nach Paris, wo er ein Studium an der Sorbonne startet. Drei Jahre später, als die Führung des Bündnises ein Jobangebot für eine der analytischen Abteilungen veröffentlicht, beschließt Rupp sein Glück zu probieren. Und er hat Glück gehabt. Ein gut gebildeter Deutscher mit einer tadellosen Biographie war der einzige unter 70 Kanadidaten, der die NATO-Leitung zufrieden stellte. Es spielte auch eine Rolle, dass Rainer mit einer Engländerin, Tochter eines hochrangigen Diplomaten verheiratet war.

So kam er am 15. Januar 1977 als Mitarbeiter einer politischen Abteilung und dann auch eines Situationszentrums ins Zentrum der strategischen Planung von NATO.

„Ich war in alle Aspekte dieses Prozesses eingeweiht und alle geheimen Informationen gingen über meinen Tisch“, erzählt Rainer Rupp, „zu meinen Aufgaben gehörte es diese strenggeheimen Informationen zu lesen und zu analysieren. Es ist überflüssig zu sagen, dass die Kopien davon sofort die „Stasi“-Führung bekam und dann, über die geheimen Kanäle, auch Moskau. Es gab so viele Geheimnisse, dass meine Ehefrau hineingezogen werden musste. Genau wie ich, hatte sie linksradikale Ansichten“.

Es wurde so eingerichtet, dass sie zur Sekretärin des Leiters der Britischen Verwaltung des NATO-Generalsekretariats wurde. Fast jeden Arbeitstag fünf Jahre lang kam sie mit einer Tasche nach Hause, die voll mit Dokumenten war. Keiner der Mitarbeiter der Sicherheitsabteilung kam auf die Idee, dass die junge hübsche Lady eine Spionin war.

Das, was Ann-Christine in ihrem Täschchen nach Hause brachte, nahm Rainer mit seiner „Minox“ auf. Die Filme versteckte er in einer Bierdose mit dem doppelten Boden und übergab sie sofort einem Boten. Die Verbindung mit dem Residenten geschah über einen Transistor, der auf eine bestimmte kurze Welle eingestellt war. 12 Jahre lang wussten Moskau und Ost-Berlin über alles, was NATO-Generäle geplant hatten.

Besonders niederschmetternd wurde für die NATO das Leck des strenggeheimen Dokumentes M-161, das auf Basis der Informationen erstellt wurde, die die westlichen Aufklärungsdienste „hinter dem eisernen Vorhang“ gesammelt hatten. Jährlich widerspiegelten sich hier alle Schlussfolgerungen und Bewertungen von 40 NATO-Komissionen über den Zustand der UdSSR und der Länder des Warschauer Paktes. Aus diesem Dokument hatten Moskau und Berlin ein vollständiges Bild darüber, was NATO bekannt war, wo sie ihre Vorteile und Schwachstellen, besonders verwundbare Punkte sahen.

„Militärexperten sagten während meiner geschlossenen Gerichtsverhandlung, dass im Falle der Atomkrise meine Tätigkeit eine entscheidende Bedeutung für den Kriegsablauf hätte haben können. Sie wussten nicht, dass die Russen auch die Pläne der NATO-Stabsübung „Wintermanöver“ besaßen, die von der Bündnisleitung alle zwei Jahre durchgeführt wurde. Dort wurden die Pläne der Atomschläge auf die UdSSR und die Länder des Ostblocks geübt. Darüber hinaus erfuhr Moskau durch mich alle Einzelheiten des Programms SDI (ein Luftabwehrsystem mit den Elementen der Weltraumstationierung, sogenannter „Star Wars“ - A.V.)“

Rainer Rupp schaffte es über 10 Tausend Kopien der strenggeheimen Dokumente nach Moskau zu übergeben. Diese Dokumente bestimmen auch heute viele Aspekte der Verteidigungsstrategie Russlands.

Nachdem er aus dem Gefängnis entlassen wurde, wurde er zum Redakteur der Zeitung „Junge Welt“. In seinen Artikeln positioniert er sich gegen die Strafoperation der Ukraine gegen Donbass, gegen die Sanktionen der Europäischen Union gegen Russland, die er sie als „die größte Dummheit, Karneval der Scheinheiligkeit, Unterstützung der Massenvernichtung der Menschen im Osten der Ukraine“ bezeichnet.

Am 21.September wurde der „Superagent des XX.Jh.“ 70. Jahre alt. Nachträglich alles Gute zum Jubiläum, Rainer!

* Rückübersetzung aus Russisch.

Tags: fakten, helden
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